Plötzlich groß

In den letzten Tagen haben wir viel über unseren Wirbelwind nachgedacht. Liebevoll hält er seinen kleinen Bruder im Arm, sorgt dafür, dass wir schnell auf seine Bedürfnisse reagieren („J. hat Hunger!“) und genießt die Zeit, in der wir alle zusammen zuhause sind. Ja, und dann – für uns wie aus heiterem Himmel – haut er. Mich, nicht das Löwenherz immerhin. Wo kommt das denn her? Völlig überrumpelt schauen wir auf den kleinen, großen Wirbelwind, der Bücher durch die Gegend wirft, unser „Nein“ ignoriert und im nächsten Moment mit Tränen in den Augen zu uns auf den Schoß möchte, zum Trösten.

Impulsiv sagen wir „Nein“ zu seinem Verhalten, reden und reden, erklären, was geht und was nicht. Ich fühle mich hilflos, wütend auch und würde am liebsten eine Zeit lang eben nicht für ihn da sein, ihn nicht in den Arm nehmen und dadurch zeigen, dass hier meine Grenze überschritten wurde. Und dann steht er da, mit seinem offensichtlich genau entgegengesetzten Bedürfnis nach Nähe und Trost. Müsste nicht ich getröstet werden, die ich gehauen wurde?

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Aus meiner Suche nach Verstehen heraus lese ich beim gewünschtesten Wunschkind nach – und erkenne uns gleich wieder. In dem langen aber unbedingt lesenswerten Artikel schreibt die Autorin ganz übersichtlich davon, auf welche unterschiedlichen Arten Kinder ihr Bedürfnis nach Gesehen-Werden äußern: Mein Kind haut, Mein Kind wird wieder zum Baby, Mein Kind provoziert … Und nun? Immerhin: Es geht wohl nicht nur bei uns drunter und drüber, doch wie gehe ich beim nächsten Mal mit dem Verhalten unseres Wirbelwindes um? Als erstes hilft mir das Wissen um das, was hinter seiner Wut steckt, ganz einfach weiter, weil es mir einen ganz neuen Blick auf die Situation schenkt. Meine erste Reaktion kann ich so beiseitelassen, durchatmen und anders handeln. Sein Verhalten zu verbalisieren, ist für mich dabei der erste Schritt. Und dann schaffe ich es, seine Wut auszuhalten, mich nicht abzuwenden oder ihn zu bestrafen – denn er soll wissen, dass meine Liebe nicht da aufhört, wo er „nicht artig“ ist.

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Die Autorin beim gewünschtesten Wunschkind formuliert das so:

„Wenn mich meine Tochter in einen solchen Kampf verwickelt, habe ich immer den großen Drang, sie einfach stehen zu lassen und wegzugehen. Es fällt mir wirklich sehr schwer, ihre Wut auszuhalten, besonders dann, wenn sie sich nicht anders auszudrücken vermag, als nach mir zu hauen, oder mich zu kneifen. Der Satz „Ich muss mich von ihr doch nicht hauen lassen!“ schwirrt dann trotzig in meinem Kopf herum. Ich möchte meinen Töchtern aber mit auf den Weg geben, dass ich sie bedingungslos liebe und auch dann zu ihnen stehe, wenn sie etwas tun, was mein ausgereiftes moralisches Verständnis als „falsch“ einstuft.

Mich umzudrehen und aus dem Zimmer zu gehen, während meine Tochter gerade „im Gespräch“ mit mir ist (denn das Hauen ist ja ihre Kommunikation) ist m. E. nichts anderes als ein Beziehungsabbruch mit der unterschwelligen Aussage: „Ich liebe dich nur, wenn du artig bist.“ Stattdessen ist das Motto „Liebe mich, wenn ich es am wenigsten verdient habe, denn dann brauche ich es am meisten“ so wichtig wie nie – und damit das Aushalten ihrer Wut. Wohlgemerkt, ich halte ihr nicht bereitwillig meinen Arm hin, damit sie sich an mir austoben kann. Ich bin kein Wutkissen. Aber wenn es in der Hitze des Gefechts doch passiert, nehme ich das stoisch hin, ohne sie dafür zu bestrafen oder beispielsweise zurückzukneifen.“

Am Anfang dieser neuen Woche bin ich ganz zuversichtlich, dass wir es schaffen, anders zu handeln, als unser erster Impuls es uns rät. Und ich bin mir fast sicher, dass sich dadurch auch das Verhalten des Wirbelwindes verändert, für den es bestimmt ein ganz schöner Schock ist, plötzlich der Große zu sein. Durch die Geburt und das Ankommen des Löwenherzens bei uns hat sich schließlich wirklich viel verändert – kein Wunder, dass da ein Gefühlsdurcheinander herrscht. Jetzt kommen wir erstmal in Ruhe beieinander an. Wir nehmen uns Zeit.
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